Genua

Dort wo der warme Wind des Mittelmeers auf das lombardische Festland trifft, dann und wann roten Wüstensand mit sich tragend, da liegt la superba – wie die Einheimischen sie Stolz nennen. Menschen haben schon immer hier gelebt. Griechen, Ligurier, Römer, Langobarden, Karolinger. Trotz Plünderungen der Karthager und Sarazenen immer wieder neu errichtet, erhebt sich die Stadt direkt an den Gestaden der See. Der salzige Geruch des Meeres ist ihr ebenso Heimat wie das zirpen der Zikaden oder die italienische Sonne.

Die Genuesen sind ein tapferes Völkchen voller wackerer Arbeiter, Seefahrer und Händler. Sie schuften schwer und lassen sich auch von den widrigen Umständen nicht davon abhalten Gott und das Leben zu preisen. Unabhängig und frei von den meisten weltlichen Machenschaften, mit einem eigenen Bischof ausgestattet und von einem gewählten Stadtrat  regiert, sind sie so frei wie man in dieser düsteren Zeit nur frei sein kann.

So denken sie.

Wenn der Horizont die letzten Strahlen der lebensspendenden Sonne verschluckt, wenn die Zikaden verstummen und nurnoch das Rauschen der See erklingt… erwachen die Unsterblichen aus ihrem tödlichen Schlaf. Als wahre Herrscher Genuas spinnen sie ihre Netze wie Spinnen in der Nacht. Versprühen ihr Gift über jene die rein sind. Prosten sich mit blutigen Kelchen an verbotenen Orten zu. Die nächtliche Gesellschaft, Kinder des ersten Mörders, ist uneins. Getrieben von eigennützigen Motiven, Rachsucht und Ideologie ziehen sie die Stadt in die Tiefe hinab wie ein Strudel einen Ertrinkenden.  Ziehen sie sich gegenseitig immer tiefer hinab bis die Unsterblichkeit tatsächlich der einzige Schutz vor der Hölle ist – die sie alle erwartet.

Eine nächtliche Gesellschaft, geführt von uralten, paranoiden Monstren, getragen von Mitläufern und Erfüllungsgehilfen. Ihre Gier nach dem Blut der Lebenden ist das einzige was sie verbindet. Sie vertreiben sich ihre Zeit im Kampf um Annehmlichkeiten und Luxus, um Anerkennung und Macht, Erlösung und Transzendenz. Sie treffen sich zu stummen Bällen, offenen Verschwörungen und sündhafter Kontemplation. Flüstern geheime Befehle und machen verdorbene Versprechen. Sie haben alle Fäden in der Hand. Nichts entgeht ihrem gierigen Blick. Sie sind die Söhne der Korrumption und die Töchter der Finesse. Ihnen gehört die Welt.

So denken sie.